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Teheran-Depesche: Basijis für Mousavi

20. August 2009

Von Iran Quest am 20. August 2009
Übersetzung aus dem Englischen: Julia
Quelle: http://iranquest.com/?p=10047

Nicht alle Befürworter von Mousavi sind weltlich eingestellt. Viele, wie mein Freund Omid, sind strenggläubige Moslems, die dem Regime nicht länger vertrauen.

19. August 2009 | “ Basij madreseye eshq ast“ („Basij ist die Schule der Liebe“) — ein Motto der Basij aus Kriegszeiten, zugeschrieben dem früheren iranischen Premierminister Mir Hossein Mousavi.

Das eingerahmte Portrait des verstorbenen Imam Khomeini im Schulbüro ragte hoch über unseren Köpfen auf.
Der Direktor, ein Invalide und Basij-Veteran des Krieges zwischen Iran und Irak und Organisator der Kampagne für Präsidentschaftskandidat Mir Hossein Mousavi, war sichtlich erschüttert. “Als der Imam starb, dachte ich, es könnte nichts schlimmeres geben. Aber was in diesen letzten Tagen passiert ist…“ Eine Woche nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Iran waren viele von Omids Freunden und Kollegen der Kampagne bereits verhaftet oder zum Verhör gebracht worden, Männer, mit denen er während des Krieges ein Vierteljahrhundert zuvor an der Front gestanden hatte. Sie hatten zusammen gearbeitet, um die Wahl für Mousavi zu entscheiden in einer Kampagne, die für sie nicht weniger war als die Verteidigung der Revolution, eine Chance, um das Vermächtnis Khomeinis vor dem unwiderbringlichen Verlust zu bewahren.
Jetzt, wo die Wahl vorüber und es fast sicher war, dass sie gestohlen wurde, hatte Omid angesichts der Möglichkeit, verhaftet zu werden, seine Hoffnung verloren. Er fühlte sich nicht länger sicher in dem Land, dass er einst als Teenager verteidigt hatte. “Bad berim. Bayad az Iran berim.” „Wir müssen Iran verlassen.”

Stimmen wie die von Omid sind in der Berichterstattung über Irans Präsidentschaftswahl kaum zu vernehmen, zweifelsohne deshalb, weil sie nicht in die allgemein anerkannte Handlung der Geschichten passt, die uns aus Teheran erreichen. Diese Geschichten, die zum Teil durch die westlichen Medien unterstützt werden, legen nahe, dass die Opposition primär aus jungen, gebildeten Städtern besteht, die der Authorität des Klerus müde sind und unbedingt eine endgültige Trennung von Religion und Politik wollen. Sie wiederum stehen einem Regime gegenüber, das seine Stärke aus den frommen, armen Städtern und Landbewohnern bezieht, einer hochgradig traditionellen Bevölkerungsgruppe, die eine Annäherung an den Westen ablehnt und die schleichende Modernisierung des letzten Jahrzehnts verdammt, die Satellitenschüsseln und fremden Kulturen, die allmählich die nationale Identität Irans abtragen. Und der Wille dieses Regimes wird auf den Straßen von den Basijis durchgesetzt, den religiösen paramilitärischen Freiwilligen, die eine jüngere Version von Omid sind.

Zusammengenommen repräsentiert diese Szenerie der städtischen Fortschrittlichen gegen die religiösen Konservativen für einige westliche Kommentatoren die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten für die Islamische Republik. In ihren Analysen stellen sie in Frage, ob die Protestbewegung über die Enklaven der Mittel- und Oberklasse Teherans hinaus wirklich populär ist. Nun, wo die Proteste der Straße gegen den Staat in isolierten und unzusammenhängenden Ereignissen verebben, kehren einige Beobachter sogar wieder zu früheren Behauptungen zurück, dass Ahmadinejad die Wahl vom 12. Juni tatsächlich gewonnen hätte. Beinahe zwei Monate nach der Stimmabgabe nähern sich Stimmen aus den U.S.A. und aus Teheran (aus offenkundig unterschiedlichen Motiven heraus) wieder der Wahrnehmung an, dass die Welt den Iran wieder einmal nicht „erfasst“ bzw. den „wahren“ Iran nicht verstanden habe.

Die Wahrheit ist, dass das Herz der Opposition aus Männern und Frauen wie Omid besteht. Für diese aufrechten Bürger war ihr Glaube Grund genug, für Mousavi zu stimmen, einen Mann, der weithin anerkannt ist für seine Frömmigkeit, Wahrheitsliebe und Loyalität zum verstorbenen Imam. Sie sind Gläubige, Iraner, die sich dem Versprechen der Islamischen Republik als einem ethischen Projekt verpflichtet fühlen, einem Mittelweg aus Autonomie und tragfähiger Modernität, ohne die materiellen Exzesse und den Säkularismus in Europa und den U.S.A., China und Indien. Tief religiös und dem Andenken Khomeinis verpflichtet, haben sie in großer Zahl für Mousavi gestimmt, um die Kontrolle über ihre Vision des Islam und die postrevolutionäre Staatsbürgerschaft zurück zu gewinnen, die nun von Ahmadinejad und seinesgleichen entstellt wird.

In den Monaten und Wochen vor und nach der Wahl hatte ich die Gelegenheit, mit vielen solchen Wählern zu sprechen. Die meisten waren ehemalige Basiji, Männer wie Omid, die sich in den 1980er Jahren, als sie noch auf die Oberschule gingen, freiwillig zum Kampf gegen Saddam Husseins angreifende Armeen gemeldet hatten. Sie arbeiten heute als Direktoren und Lehrer in vielen der besten privaten islamischen Schulen Teherans, die in dem Ruf stehen, ehrerbietige, ihrem Glauben und der Wissenschaft verpflichtete Absolventen hervorzubringen.

Als geehrte Kriegsveteranen und respektierte Lehrer stehen diese Menschen auf dem Kreuzweg der Vergangenheit und der Zukunft Irans. Es ist eine Zukunft, die viele von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben in Frage stellen.

In unseren Gesprächen betonten sie, dass sie diese Wahl und die darauffolgenden Entwicklungen als einen Kampf um Authentizität sehen, um das Recht, zu definieren, was einen guten Moslem ausmacht. Sie fühlten sich angegriffen von einer Regierung und einer Führung, die nicht willens ist, triviale Politik von dem zu trennen, was sie als erhabene Botschaft des Propheten und des Imams ansahen. Als Lehrer waren sie durch das Vorgehen der Regierung während und nach den Wahlen in ein Dilemma geraten, vor allem durch das Vorgehen des Obersten Führers Ali Khamenei. Ein Politiker wie Ahmadinejad, der in eine Kamera blickt und Lügen über die Inflation und die Arbeitslosigkeit erzählt, ist eine Sache – was aber sollten sie über Khameneis dann folgende Bestätigung dieses Präsidenten denken? Was sollten sie ihren Schülern sagen, wenn sie im Herbst wieder in die Schulen kommen würden?

Einer der Direktoren sagte mir, er und seine Kollegen würden versuchen, diesen Kindern beizubringen, gerecht und ehrlich zu sein. Indem er einen Mann unterstützte, der keins von beidem ist, war Khamenei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. „Dieser Mann kann nicht länger Führer sein“.
Ein anderer Direktor, mit dem ich sprach, war sich weniger sicher über das weitere Vorgehen. „Wenn unsere Väter „Tod dem Schah“ riefen“, sagte er, „dann geschah das, weil sie dessen Regime als islamfeindlich ansahen. Aber meinen eigenen Sohn „Tod Khamenei“ rufen zu hören – das ist zu viel. Ich finde es schwierig zu akzeptieren, weil er gegen eine Regierung der Religion, eine Regierung des Islam protestiert.“

Konflikte wie diese haben sehr viele meiner Interviewpartner veranlasst, zu überdenken, ob die Islamische Republic an sich noch realisierbar sei. Vor allem betonten sie, dass der Islam bewahrt werden müsse. Wenn das System verändert werden müsse, so solle dies geschehen. Vielleicht war nur Ayatollah Khomeini zum Obersten Führer befähigt, wie der „Charismatische Führer“ des Soziologen Max Weber, der keinen ebenbürtigen Nachfolger hat. Einer der Lehrer drückte es so aus: „Vielleicht ist diese Position [des faqih, oder des Obersten Führers], diese Verantwortung, wie eine reife Frucht. Köstlich, süß, dem Auge schmeichelnd, lockt sie irgendwann Fliegen an.“

Veränderung ist das Thema dieses Jahres, eifrig aufgenommen von den Massen im Iran und in den Vereinigten Staaten. Veränderungen erfordern es, dass wir den anhaltenden und schädlichen Vermutungen über den Iran ein Ende setzen – der Wahrnehmung, dass die Religiösen reflexartig von Ahmadinejads Art der Politik angezogen werden, oder dass es einen „authentischen“ Iran gibt, der irgendwo südlich des Vanak Square angesiedelt ist. Wenn wir verstehen wollen, wohin sich die noch im Aufbau begriffene gesellschaftliche Bewegung im Iran bewegen könnte, würden wir gut daran tun, unser Augenmerk auf unerwartete Orte zu richten, auf Menschen wie Omid zu achten. Die Tiefe der iranischen Oppositionsbewegung sollte an den Protesten und Aufschreien dieser Menschen gemessen werden und nicht nur denen der jugendlichen Abtrünnigen der Nation, diesen nicht Gläubigen, die die Idee einer Islamischen Republik niemals überhaupt je akzeptiert haben.

Omid und seine Gefährten marschieren nicht deshalb auf den Straßen, weil sie weltlich sind oder ein Interesse daran haben, Iran den USA ähnlicher zu machen. Nein, sie stellen sich der gegenwärtigen Regierung in deren eigener Sache entgegen, im Namen des Islam.

Von Shane M. – Salon.com

Anmerkung der Redaktion: Aus Gründen der persönlichen Sicherheit hat der Autor seinen Namen geändert. In früheren Artikeln hat er sowohl „Anonymous“ als auch das oben genannte Pseudonym verwendet.

Themenbezogener Link (auf Englisch):
http://www.huffingtonpost.com/narges-bajoghli/devouring-their-own-the-b_b_264939.html

Deutsche Übersetzung: http://lilalinda-juliasblog.blogspot.com/2009/08/basiji-in-islamic-republic-auf-deutsch.html

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