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Bericht aus Kahrizak, 28. Juli 2009 – Deutsch

17. August 2009

Übersetzung aus dem Englischen: Julia
Quelle: http://loln.wordpress.com/2009/07/28/first-hand-testimonials-of-a-21-year-old-iranian-protester-who-was-arrested-on-18-tir-protests-in-tehran-and-taken-to-kahrizak-camp/

Dies ist eine schnelle Übersetzung eines Augenzeugenberichts aus erster Hand. Er stammt von jemandem, der einige Tage in einer Haftanstalt namens Kahrizak im Süden Teherans inhaftiert war. Wie man sehen wird, hat er sofort nach seiner Freilassung diese Notizen auf seinem extra dafür eingerichteten Blog veröffentlicht.
Innerhalb weniger Stunden nach der Veröffentlichung wurde der Blog gehackt und anstelle seiner Notizen ein Link auf die Webseite der Sicherheitskräfte gesetzt, die auf die Identifikation von Protestteilnehmern abzielt (Gerdab). [1]

[Update zum Thema Hacking: s. new post]

Dies ist ein Link auf eine iranische Webseite, die dieselbe Notiz (auf Persisch) spiegelt:
http://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=4373

In seinen Notizen hat er die Namen einiger Menschen genannt, die in dieser Haftanstalt gestorben sind; es ist das erste Mal, dass diese Namen veröffentlicht werden.

Ich habe versucht, bei der Übersetzung die Originalstruktur des Berichts beizubehalten.

________________

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich hoffe, ihr vergebt mir meine Grammatikfehler in diesem Bericht, den ich über Camp Kahrizak, Irans Guantanamo, schreiben werde. Ich bin in Eile und muss bald gehen. Jetzt, wo ich dies schreibe, ist es 8 Minuten nach 0 Uhr am 6. Mordad (28. Juli). Heute morgen sind ich und einige andere auf wundersame Weise vom Tod errettet worden.

Ich bin jetzt vom Krankenhaus zurück nach Hause gekommen und habe sofort diesen Blog erstellt. [1]

Ich wurde am 18. Tir (8. Juli) verhaftet. Ich bin 21 Jahre alt. Jetzt, während ich dies schreibe, kann ich nicht glauben, dass ich frei bin. Bei den Protesten am 18. Tir waren ein Freund und ich mit dem Motorrad unterwegs, mein Freund filmte (die Ereignisse) mit seinem Handy. (Plötzlich) griffen uns Zivilpolizisten an und schlugen uns. Eine Frau kam uns zur Hilfe, aber sie schlugen die arme Frau ebenfalls.

Sie warfen uns in einen Minibus, der voller geschlagener und verletzter Leute war, und der Minibus brachte uns zur Polizeistation. Ich war so schlimm geschlagen worden, dass ich nicht wusste, wo ich war. Danach stellten sie uns alle mit dem Rücken an die Wand, mein Freund und ich standen zusammen. Ein stämmiger (Wachmann in) Zivil kam, zog einige von uns heraus und brachte sie in einen Minibus. Seit diesem Moment habe ich keine Nachricht mehr von meinem Freund. Sie haben uns mit Dutzenden anderen zusammen ins Camp Kahrizak gebracht.

Man kann das nicht glauben, in dem Raum, in dem wir festgehalten wurden, waren noch ungefähr 200 Menschen, die alle verletzt und mit Stöcken geschlagen worden waren. Man konnte überall Menschen weinen hören. Ich sagte zu mir selbst, was werden sie mit uns machen? Vielleicht bringen sie uns morgen in ein Gefängnis oder ein Gericht oder so etwas. Immerhin wäre das besser, als hier zu sein.

Es gab keinen Platz, um sich hinzusetzen, und überall war Blut an den Wänden. Ich dachte an meinen Freund, er ist keiner, der es erträgt, an einem solchen Ort zu sein.

(Plötzlich) begannen einige Menschen (im Raum) zu weinen und sagten, einer sei tot. Ihre Stimmen kamen aus dem hinteren Teil des Raumes, aber man kann vielleicht nicht glauben, dass wir alle so nah beieinander standen, dass niemand sich bewegen konnte. Die Zivilwachen kamen herein und zerschlugen alle Glühbirnen, die im Raum waren, und im Stockfinstern begannen sie, uns zu schlagen, jeden, den sie erwischen konnten. Sie taten das eine halbe Stunde lang. Manche fielen danach ins Koma, vielleicht waren sie tot.

Danach hielten sie uns Taschenlampen ins Gesicht und sagten, wenn ihr ein Geräusch macht, werden wir euch diese Schlagstöcke in den …. stecken. Ich konnte das nicht glauben. Ich dachte, das sei nur ein Albtraum. „Sadegh“, der anscheinend der Vorgesetzte war, hob den Körper des Toten auf, lehnte ihn an die Wand, leuchtete mit der Taschenlampe in das Gesicht des Toten und sagte: „Wir haben den Auftrag, euch alle zu töten. Ihr könnt von Glück sagen, wenn ihr nicht wie dieser motherf…. (hier zeigte er auf den Toten) sterbt. Macht keinen Lärm (sagte er), wenn ihr morgen noch leben solltet, dann ist das so, aber wenn nicht, dann…

Er (Sadegh) sagte: „Ihr seid alle „Mohareb“[2] Wisst ihr, was Moharabeh bedeutet?“ Vor mir war ein 16-17jähriger Junge. Er griff ihn am Nacken und fragte „Sag diesen Leuten, was Moharebeh bedeutet.“ „Ich weiß es nicht“, sagte der Junge. Der Wachmann begann, den Jungen zu schlagen und dabei zu rufen „sag ihnen (was es bedeutet)“. Er schlug den Jungen so stark, dass er in Ohnmacht fiel. Er (Sadegh, der Wachmann) sagte „es bedeutet Satan, es bedeutet Krimineller“. Er fuhr fort, den Jungen zu schlagen, einige im Raum protestierten; sie wurden ebenfalls totgeschlagen.
In unserem Raum waren bis zum Morgen mindestens 4 Menschen gestorben.

Sadegh rief „Es gibt hier keine Zahnbürste und keine Toilette, ihr erledigt das alles hier, verstanden?“

Es gab unter uns keinen, der gesund war (alle waren verletzt), alle hatten Blut im Gesicht, oder sie hatten ein schwarzes Auge wie ich. Viele hatten gebrochene Beine und Arme. Wegen der Dunkelheit im Raum konnte ich nicht viele der Menschen dort sehen. Wenn die Tür geöffnet wurde, schmerzte das Licht uns furchtbar.

Den Morgen danach und die nächsten Tage verbrachten wir auf die allerschlimmste Weise, ich brauche mehr Zeit, um alles zu erklären.

Um uns vor dem Hungertod zu bewahren (ich weiß nicht ob nachts oder morgens) gaben sie uns einen Beutel mit Resten, die wir gierig aßen. Es gab Stücke alten Brots, Kräuter und Reis in dem Beutel.

Einer unter uns wurde Dr. Zareh genannt, er war für die Rationierung des Essens unter uns verantwortlich. Ich kannte ihn und viele andere nur der Stimme nach. Eines Tages kam Sadegh mit ein paar Glühbirnen, und dann brachte er uns auf das Außengelände des Camps.

Wow! Das war ein Gefühl von Freiheit für uns! Der blaue Himmel und das Sonnenlicht waren neu für alle von uns (oh, übrigens, sie brachten uns nach draußen, weil sie wollten, dass wir unseren Schmutz und unsere Fäkalien hinausbringen). Ich entschuldige mich dafür, dass ich solche Dinge schreibe, ich hoffe, dass andere aus dem Camp herauskommen und es besser erklären können, und ich bin sicher, dass dieses Camp viel schlimmer war als Guantanamo und Abu Ghraib.

Jedenfalls waren wir wgen Sadeghs Anfängern unter den ersten, die ohne Prozess aus dem Camp geworfen wurden! Wegen des Platzmangels im Camp. Und sie drohten uns, wenn wir irgendwas zu irgendjemandem sagen würden, würden sie uns sofort töten.

Sofort nach meiner Entlassung nahm ich Kontakt zu meiner Familie auf und benutzte dafür das Handy eines Passanten. Sie kamen und holten mich ab. Freiheit ist süß!

Aber vergesst nicht, dass sich immer noch tausende von Menschen unter schlimmsten Bedingungen in Kahrizak befinden.

Ich möchte auch die Namen einiger im Camp Getöteter weitergeben, deren Namen ich mir merken konnte. Übrigens wären diese Menschen nicht tot, wenn diese Tiere sie in ein Krankenhaus gebracht hätten.

Hasan Shapuri (Student)
Reza Fatahi (Student)

Milad (kein Familienname, er ist der 16-17jährig Jung den Sadegh in der ersten Nacht totgeschlagen hat und der danach ins Koma fiel, und sie haben ihn mitgenommen, aber der Arzt, der bei uns war und irgendwie wie ein Anführer für uns war, sagte, dass der Junge aus Ohren und Mund geblutet habe und leider tot sei.
Morteza Salahshoor
Morad Aghasi
Mohsen Entezami

Ich habe auch die Namen vieler Leute, die noch immer in unserem Camp festgehalten werden, und ich werde ihre Namen in den nächsten Tagen auf den selben Blog setzen.

Möge Gott uns von ihnen befreien

Ich kann nicht glauben, wo ich vor 24 Stunden war.

Gott, befreie alle Iraner und alle freiheitsliebenden Menschen so schnell wie möglich!

P.S. Ich glaube bezüglich der Veränderungen, die in Kahrizak vorgenommen wurden, der Haftanstalt, die von ihrem korrupten Führer (Khamenei) geschlossen werden soll, ist eben dieses Camp Kahrozak. Denn viele sind dort gestorben.

Reza Yavari (Mein Spitzname)
6. Mordad, 1:10 Uhr [28. Juli]

Hofft auf die Freilassung derer, die noch immer in Kahrizak sind.

________________
Fußnoten:

[1] Innerhalb weniger Stunden nach der Veröffentlichung wurde der Blog gehackt und anstelle seiner Notizen ein Link auf die Webseite der Sicherheitskräfte gesetzt, die auf die Identifikation von Protestteilnehmern abzielt (Gerdab). Hier ist der Link zum Original-Post:
http://kahrizak.wordpress.com/2009/07/27/%D9%81%D8%AC%D8%A7%DB%8C%D8%B9-%D9%88-%DA%A9%D8%B4%D8%AA%D8%A7%D8%B1-%D8%A7%D9%86%D8%B3%D8%A7%D9%86%DB%8C-%D8%AF%D8%B1-%D8%A7%D8%B1%D8%AF%D9%88%DA%AF%D8%A7%D9%87-%DA%A9%D9%87%D8%B1%DB%8C%D8%B2%DA%A9/

[2] Mohareb: Feind Gottes , und Moharebeh ist die Handlung, gegen Gott zu kämpfen (glaube ich!)

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